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Die Selbststudie einer Design-Agentur

Zwischen Experimentierfreude und kreativem Größenwahn

Schon klar. Werbeagenturen in ihrer rudimentärsten Form gibt es erst seit Wirtschaftswunder und Gründerzeit und die brennenden Rehe seit 2011. Dennoch ist ja per se nichts unmöglich – daher wollten wir wissen, wie es sich potenziell zugetragen hätte, wenn die Rehbrand GmbH schon früher gegründet worden wäre, zum Beispiel in den 90ern, in den 80ern, im Mittelalter oder in der Steinzeit.

Willkommen in unserer typographischen Logo-Studie zwischen Experimentierfreude und kreativem Größenwahn – zwischen Höhlenmalerei, Runen, Wappen und Pinselschriften. Eine Hommage an die typographischen Epochen unserer Zeit.

Rehbrand Chronik Logo 5500 A. C.

5500Ante Christum

»Die angeblich frisch geschöpfte Welt steckt noch in den Kindersandalen. Haben uns entschieden, sesshaft zu werden und das Jagen und Sammeln aufzugeben. Bumbum, der beste Höhlenmaler aller Zeiten, hat schon vor einigen Jahren die Stammesmitgliedschaft bei uns untermeißelt. Beim Feuermachen ist uns aus Versehen ein Funke aufs neue Reh gesprungen. Bumbum hat nicht lang gefackelt und ein Bild gemalt. Sieht lustig aus – behalten wir.«


Typographische Merkmale:
Vor dem Alphabet gab es primitive Zeichen – quasi die Emoticons der Steinzeit. Gemalt, geschnitzt und geritzt wurden aber keine Smileys, sondern »Ideogramme« – hauptsächlich Tiere, Natur und was die Menschen damals sonst so erlebt und verarbeitet haben. Von Typographie kann hier noch lange keine Rede sein, … aber immerhin von der Erfindung der Piktographie, in die sich das erste Rehbrand-Logo um 5.500 vor Christus nahtlos einreiht.

Rehbrand Chronik Logo 1500 A. C.

1500Ante Christum

»Bei einem Firmenausflug nach Kreta wollen wir eigentlich nur ein bisschen ausspannen und spielerisch teambildende Maßnahmen ergreifen. Haben wir bei einem Manager-Seminar gelernt. Nette Insel, ist echt toll hier und diese Oliven schmecken sensationell. Noch spannender ist, dass wir hier so etwas ähnliches wie Schriftzeichen entdecken. Leider will uns keiner so richtig zeigen, wie man das schreiben kann – wissen die überhaupt selbst, wie das geht? Auf einer Tontafel finden wir ein Reh-Ideogramm. Gefällt uns, nehmen wir mit. Es wird Zeit, dass wir an unserem Markenauftritt arbeiten.«


Typographische Merkmale:
Aus den ersten griechischen Hieroglyphen, dem sogenannten Linear A Schriftsystem, ist die Silbenschrift Linear B entstanden. Sie besteht aus Ideogrammen und Silbenzeichen, die auf Kreta und auch auf dem griechischen Festland bis etwa 1200 vor Christus angewendet wurden.

Rehbrand Chronik Logo 1000 A. C.

1000Ante Christum

»Auf dem Weg von Kreta nach Hause werden wir von ein paar wildgewordenen Phöniziern entführt. Dieser Mittelmeerraum ist zur Zeit echt lebensgefährlich. Aber hey, die haben schon richtige Buchstaben am Start – gar nicht schlecht. In Gefangenschaft haben wir genug Zeit, uns dieses komische Alphabet anzueignen. Wir wissen zwar nicht so richtig, was wir da tun, aber Spaß macht’s trotzdem.«


Typographische Merkmale:
Das phönizische Alphabet besteht aus 22 Zeichen und fand bis 500 vor Christus Verwendung. Angeblich hat es sich über ein paar Umwege aus den ägyptischen Hieroglyphen entwickelt. Aus den phönizischen Schriftzeichen wiederum entstand das aramäische, das arabische und das griechische Alphabet.

Rehbrand Chronik Logo 100 A. D.

100Anno Domini

»Mittlerweile wieder in Mitteleuropa ansässig, vor mehreren hundert Jahren erfolgreich der Gefangenschaft entflohen. Noch verweigern wir erfolgreich den Typo-Trend aus Rom. Bei einem Betriebsausflug nach Schleswig-Holstein finden wir die Fibel von Meldorf. Ob es wirklich germanische Runen sind, ist uns auch nicht klar – spielt aber auch keine Rolle. Wir finden es cool, greifen den Trend auf und schnitzen uns mit Hilfe des Futharks ein eigenes Binderunen-Logo. Bisschen en vogue und seiner Zeit voraus sollte man als Werbeagentur schon sein.«


Typographische Merkmale:
Die germanischen Runen bestehen aus 24 Buchstaben. Die Binderune, in der Fachsprache auch Sigille genannt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein damaliges Typographie-Spielchen und setzt sich aus den Runen Uruz (das Wild, im Detail leider nur ein Auerochse, eine Reh-Rune gab es nicht) und Kenaz (Feuer) zusammen – das germanische brennende Reh.

Rehbrand Chronik Logo 150 A. D.

150Anno Domini

»Nachdem die Römer seit einiger Zeit einfach die Nase vorn haben, steigen wir um auf lateinische Schrift. Hilft ja nix. Unsere eingehende Analyse ergab, dass es sich bei diesen Buchstaben um einen Megatrend handeln wird. Haben uns daher mit weiteren Steinmetzen und Handwerkern zusammengeschlossen. Nachdem wir unseren Markennamen auch noch ins Lateinische übersetzt haben, können wir uns vor Bewerbungen für den Stammesverband der brennenden Rehe kaum retten. Sind also dabei, uns ins Römische Reich zu integrieren, und haben uns über die Stammesgrenzen einen Namen gemacht. Deshalb verewigen sich die Stammesführer Michaelicus Hasta und Michaelicus Vir Aulae mit einem prachtvollen Relief im zielgruppenorientierten, lateinischen Schriftzug im Haupthaus der Siedlung.«


Typographische Merkmale:
Die Capitalis Monumentalis ist die klassische römische Schrift, die komplett aus Majuskeln (Großbuchstaben) besteht und in ihrer Formgebung auf Quadraten, Kreisen und Dreiecken basiert. Durch die Meißeltechnik in Steine ergeben sich Serifen.

Rehbrand Chronik Logo 200 A. D.

200Anno Domini

»Haben uns trotz Migrationshintergrund gut mit den Römern engagiert – ziemlich krasse Typen. Wir freuen uns über Aufträge und neue Inspiration. Dynamische Schriften und emotionale Bildsprache werden plötzlich modern – die spinnen die Römer! Aber für neue Trends sind wir immer offen und verpassen uns daher ein kleines Facelifting, um auch dem Typo-Trend nicht hinterher zu sein.«


Typographische Merkmale:
Aus der 100 vor Christus entstandenen Capitalis Monumentalis entwickelt sich 200 Jahre später die Capitalis Quadrata sowie ihr bäuerlicher Ableger, die Capitalis Rustica. Sie basiert ebenfalls noch auf reinen Versalien und wird als Buchschrift verwendet. Starke Kontraste zwischen dicken und dünnen Linien bilden ihre Charakteristik.

Rehbrand Chronik Logo 300 A. D.

300Anno Domini

»Finanziell am Limit. Römer sind komplett durchgedreht und hier bricht alles in sich zusammen. Sind nun, was unser Handwerk angeht, auf Freeware und natürliche Rehssourcen umgestiegen. Fühlen uns in unsere Zeit als Jäger und Sammler zurückversetzt. Haben uns entschlossen, uns nun den Bajuwaren anzuschließen. Scheinen coole Typen zu sein. Nur an das Beinkleid aus Kuhhaut müssen wir uns nach der luftigen Toga gewöhnen.«


Typographische Merkmale:
Endlich ist es soweit: Mit der Unziale ist Schrift auf einmal nicht nur reine Informationsvermittlung, sondern dient auch als Gestaltungselement. Der Übergang zur Kleinbuchstabenschrift wird deutlich sichtbar und spätestens ab der Halbunziale muss man sich typographisch nicht mehr in Versalien anschreien. Und noch etwas Tolles: Es gibt auch schon Ligaturen!

Rehbrand Chronik Logo 800 A. D.

800Anno Domini

»Krise abgewendet. Bajuwaren sind total auf unsere Sachen abgefahren. Karl der Große, der übrigens wirklich groß ist, hat unser schönes Bajuwarenland geschnappt. Sind jetzt Teil des Frankenreichs und haben gleich mal den Pitch für das Prägungsdesign der Denarmünzen verloren. Sind noch dabei, uns der neuen Zielgruppe anzupassen. Minuskeln sind jetzt angeblich tod chic – damit können wir uns noch nicht so richtig anfreunden und gehen als Gegenbewegung wieder zurück zu den Versalien.«


Typographische Merkmale:
Mit der Karolingischen Minuskel ist die Entwicklung der Kleinschreibung vollendet und abgeschlossen. Vermutlich ist die Schrift im Kloster durch das Bildungswesen von Karl dem Großen entstanden. Nicht nur Rundbögen und ein ausgewogener Schriftduktus werden eingeführt. Durch die aufwändig gestalteten Initialen in Büchern werden auch bunte und kontrastreiche Farben immer marktreifer.

Rehbrand Chronik Logo 1200 A. D.

1200Anno Domini

»Als königliche Rehritter springen wir auf den neuesten Hype auf: Wappen! Die finden wir richtig sexy. Kurzerhand haben wir schlechten Wappen und Bannern den Kampf angesagt. Pünktlich zur Stadtgründung von Landshut haben wir uns mit unserer Agentur hier niedergelassen, die Immobilienpreise waren einfach zu verlockend. Und alle Kunden zwischen Salzburg und München kommen hier durchgeritten. König Ludwig IV. hat die Stadt Landshut nach der Schlacht von Gammelsdorf mit einem neuen Stadtwappen geehrt, das drei Helme ziert. Finden wir cool, übernehmen wir. Nur mit der frühgotischen Schrift werden wir nicht so richtig warm. Die geraden Striche, scharfen Ecken und spitzen Winkel passen irgendwie nicht so richtig zu unserer Firmenphilosophie.«


Typographische Merkmale:
Die frühgotische Typographie aus dieser Zeit bildet die Grundlage für alle späteren gotischen Buchstaben und das, was man heute noch als »Fraktur« kennt. Hier gibt es verschiedene Charakteristika mit unterschiedlichen Einsatzbereichen. Die Textur wird hauptsächlich für Bücher verwendet, die Rotunda für juristische lateinische Texte, die gotische Minuskel wurde in der Wissenschaft eingesetzt und regionale Texte wurden in der Bastarda geschrieben. Parallel hat sich die Heraldik entwickelt.

Rehbrand Chronik Logo 1475 A. D.

1475Anno Domini

»Herzog Georg und Hedwig heiraten in Landshut. Es gibt ein riesiges Fest mitten in der Altstadt direkt vor unserem Büro – ein richtig cooles Marketing-Event. Wir überlegen, ob wir Guerilla-mäßig unsere Fensterplätze an Schaulustige vermieten – bei dem Lärm kann eh keiner arbeiten. Hey, und wie wär's eigentlich, wenn wir die Landshuter Hochzeit irgendwann einmal als History-Event nachfeiern? Gutenberg hat gerade eben die Druckmaschine erfunden. Wenn wir ein paar Jahre sparen, können wir vielleicht schon bald Einladungen in Masse produzieren.

Ach ja: Da Gottes Wort gerade übersetzt wird, haben wir uns entschieden, auch unseren Markennamen zu übersetzen. Die capreae ardentes heißen ab sofort Rehbrand. Eine krasse Entscheidung, die aber durchaus Gefallen findet.«


Typographische Merkmale:
Aus der spitzen frühgotischen Typographie entwickelt sich eine offenere, breitere und geschwungenere Schrift: Die Alte Schwabacher, die in Büchern besser lesbar ist und in kurzer Zeit richtig populär wird.

Rehbrand Chronik Logo 1500 A. D.

1500Anno Domini

»Andreas Fugger war im letzten Jahrhundert begeistert von unseren Arbeiten. Nun ist das Wappenredesign für seinen Bruder in Arbeit. Unser Konkurrent ist der Freelancer Albrecht Dürer, der uns das Leben schwer macht. Um Albrecht ein wenig zu ärgern, kreieren wir eine Hommage auf sein Monogramm und entwickeln daraus ein neues Rehbrand-Logo. Auf die Typographie dieser Zeit haben wir nämlich mal wieder keinen Bock: Die Fraktur erinnert uns zu sehr an die frühgotischen Anfänge und ist unserer Meinung nach ein klarer Rückschritt nach der Schwabacher.«


Typographische Merkmale:
Aus der Bastarda des 14. Jahrhunderts und weiteren Stilelementen, die im Buchdruck verwendet wurden, entwickelte sich die allseits beliebte Fraktur. Gutenberg und Dürer waren Fans der gebrochenen Schrift und nahmen dadurch starken Einfluss auf die typographische Entwicklung. Die römischen Lettern aus der Vergangenheit wurden daher nur noch, wie der Name schon sagt, für antike, lateinische Texte benutzt.

Rehbrand Chronik Logo 1650 A. D.

1650Anno Domini

»Wir haben William Shakespeare als Texter für internationale Projekte durch den Krieg aus den Augen verloren - sollte wohl nicht sein. Die ganzen Konflikte über Konfessionen können wir nicht verstehen, für uns gibt es nur eine Rehligion. Haben unter dem Pseudonym Rembrandt einige nicht verwendete Designentwürfe veröffentlicht. Lage normalisiert sich langsam wieder. Aber das Schlimmste ist: Die Fraktur bleibt en vogue und wir können nichts dagegen tun. Wegen der schlechten Auftragslage beugen wir uns der Mehrheit und lassen die Fraktur als schmuckvolle Initiale in unser Logo einfließen.«


Typographische Merkmale:
Die Fraktur wird immer populärer und ist inzwischen unaufhaltsam zur Standardschrift geworden. Die Zeit der Reformation und deren Charakteristika unterstützte diese Entwicklung zusätzlich.

Rehbrand Chronik Logo 1750 A. D.

1750Anno Domini

»Yeah! Barock und Rokoko ist genau unser Ding. Nicht nur die deutsche Kanzleischrift mit ihren starken Grundstrichen und ihren Schnörkeln, sondern auch das pompöse und üppige Überdesign sagt uns sehr zu. Da lassen wir doch gleich wieder die Wappen-Tradition aufleben, die uns vor 500 Jahren schon so gefallen hat.«


Typographische Merkmale:
Die Deutsche Kanzlei, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert insbesondere für Dokumente und amtliche Schriftstücke verwendet wurde, ist durchaus als Gegenbewegung zur Fraktur zu verstehen. Um 1750 wurde die Fraktur bereits vereinzelt abgelehnt, da man Sorge hatte, dass Ausländer die deutsche Sprache in gebrochener Schrift noch schwerer lesen können. Das starke Nationalbewusstsein vereinfachte die Thematik jedoch nicht besonders.

Rehbrand Chronik Logo 1780 A. D.

1780Anno Domini

»Wir versuchen gerade, Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe als Texter zu gewinnen. Die Diskussionen mit Wolfgang gleichen jedoch eher »Hanswursts Hochzeit«. Seine Absage wäre wie die sprichwörtliche Faust ins Gesicht. Die klassizistische Antiqua ist genau unser Geschmack. Wir verleihen unserem Wappen ein Facelift und gestalten es als Kontrast zur Antiqua noch etwas pompöser.«


Typographische Merkmale:
Die klassizistische Antiqua ist quasi eine damalige Retro-Bewegung. Es wurde versucht, die Typographie der griechisch-römischen Antike nachzuempfinden, was wiederum im Gegensatz zu Kanzlei und Fraktur zu mehr Klarheit im Schriftbild führte. Die dünnen Linien basieren auf dem Kupferstich.

Rehbrand Chronik Logo 1850 A. D.

1850Anno Domini

»Heute wurde die Bavaria auf der Theresienwiese enthüllt. Nach jahrelangem Zeichnen von Entwürfen und Sammeln von Ideen haben wir den Pitch leider verloren: Die Bavaria reitet nun doch nicht auf einem Reh in den Sonnenuntergang, sondern kuschelt mit einem wahrlich bairischen Löwen – man kann nicht alles haben. Als Trotzreaktion erfinden wir uns komplett neu. Da der Typographie-Trend auf einmal so klar und linear wird wie nie zuvor, reduzieren wir auch unseren Markenauftritt und entwickeln ein anmutiges Signet auf Basis der Typographie.«


Typographische Merkmale:
In der Typographie wird es spannend: Schon wieder was Neues! Die immer dünner werdenden Haarlinien der Antiqua verlangen eine Revolution und als Gegenbewegung kommt die serifenbetonte Antiqua heraus – auch Egyptienne oder heutzutage Slab Serif genannt – mit klaren Formen und gleichmäßigen Strichstärken. Ein Vorreiter für die Schreibmaschine, die sich bereits in der Entwicklung befindet, aber noch ein paar Jahre braucht, um Marktreife zu erlangen.

Rehbrand Chronik Logo 1900 A. D.

1900Anno Domini

»Hätten auch gern eines dieser neuartigen Automobile. Dachten ja lange Zeit, Rehe sind die Innovation der Fortbewegung, aber Fahrzeuge liegen wohl im Trend. Im Trend liegt jetzt auch der Jugendstil und damit dekorative Linien, florale Elemente und Symmetrie. Wir passen unser Logo entsprechend an, ohne jedoch dabei zu sehr auf den edelgotischen Trend der Jugendstil-Typographie aufzuspringen – gefällt uns nicht, wir schwimmen mal wieder gegen den Strom. Übrigens: 1903 wird die Landshuter Hochzeit nun endlich zum ersten Mal als History-Event nachgefeiert. Finden wir cool und sind selbstverständlich am Start.«


Typographische Merkmale:
Während der Jugendstil mit seiner Edelgrotesk Schnörkel und florale Elemente auch im Schriftbild integriert, bleiben die vorhandenen Trends bestehen: Die Egyptienne ist weiterhin ein bedeutender Teil der kunstgewerblichen Typographie und in Büchern wird weiterhin auf Fraktur und Antiqua gesetzt. Der »Allgemeine Deutsche Schriftverein«, der 1890 entstand, setzte sich stark für die Fraktur ein, da sie angeblich das germanische Wesen am besten zum Ausdruck bringen würde.

Rehbrand Chronik Logo 1910 A. D.

1910Anno Domini

»Es lebe das Marketing. Erste Bücher und Studien erscheinen und wir sind scheinbar nicht mehr die einzigen, die sich mit Werbung beschäftigen. Jetzt geht's auf. Wir haben unsere erste Kamera erstanden. Unsere Models sind dankbar, dass sie jetzt nicht mehr stundenlang in der gleichen Position ausharren müssen, bis wir fertig gezeichnet haben. Der Typographie-Trend wird reduzierter – wir reduzieren zwar unser Logo, können uns aber nach so kurzer Zeit nicht schon wieder komplett neu erfinden. Immerhin haben wir einen Ruf zu verlieren. Handschriftliche Notizen machen wir ab sofort nur noch in Sütterlin – finden wir richtig chic.«


Typographische Merkmale:
In der Typographie wird es nun richtig geradlinig: Die Klassische Moderne und der Expressionismus lassen die Schriften auf ein Minimum reduzieren. Zum ersten Mal gibt es Akzidenz-Grotesk Schriften, die an Geradlinigkeit kaum zu überbieten sind – ein absoluter Milestone in der Typographie, der richtungsweisend für die Zukunft ist und auf dem auch Helvetica und Co. basieren.

Rehbrand Chronik Logo 1930-1945 A. D.

1930-45Anno Domini

»Okay okay, zugegebenermaßen ist Marketing für uns grad zu einer schwierigen Sache geworden. Entdecken auf jeden Fall die Digital Signages für uns, drehen Heimatfilme vom schönen Landshut, nehmen bewusst von der gebrochenen Fraktur großen Abstand und freuen uns schon auf die 50er Jahre.«


Typographische Merkmale:
Obwohl sie nie richtig weg gewesen ist, erlebt die Fraktur ein riesiges Comeback. Das Reichsinnenministerium beschließt 1933 sogar, dass die Fraktur auch in allen deutschen Behörden und auf Schreibmaschinen untergebracht werden soll. Da man sich aber nicht auf einen einheitlichen Schriftsatz einigen kann, scheitert das Projekt. Bei den Olympischen Spielen 1936 wurden teilweise vermehrt Antiqua-Schriften eingesetzt. 1940 wurde bei der Ministerkonferenz schließlich beschlossen, dass Texte für das Ausland in Antiqua zu drucken seien, und ab 1941 wurde die Fraktur schlussendlich beerdigt: Mit einem Rundschreiben an das Führungspersonal der NSDAP und den Reichsinnenminister wurde bekannt gegeben, dass die »Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei«. Zehn Tage später wurde das Schreiben sogar noch einmal konkretisiert: Der Führer habe entschieden, dass sämtliche Zeitungen und Zeitschriften allmählich auf die sogenannte Antiqua-Schrift umgestellt werden sollen. Ab September 1941 wurden in deutschen Schulen ausschließlich lateinische Buchstaben gelehrt.

Rehbrand Chronik Logo 1950 A. D.

1950Anno Domini

»Wir sind Weltmeister und können uns vor Aufträgen kaum retten. Das Wirtschaftswunder ist echt eine tolle Sache, wir haben jede Menge zu tun. Scheinbar hat man von der cleanen Antiqua in der Werbung schnell die Nase voll: Wir verfolgen gespannt den Trend der Pinselschriften in Logos und auf Plakaten. Damit jeder versteht, was man bei Rehbrand bekommt, führen wir den Zusatz »Gebrauchsgraphik« unter unserem Logo mit auf.«


Typographische Merkmale:
Mit dem Wirtschaftswunder sprießen nun auch unzählige Marken und Kampagnen aus dem Boden und der Anspruch an visuelle Werbung wächst. Passend zu den gemalten Visuals kommen Pinselschriften, Schreibschriften und Kalligraphie mit kursivem Schriftbild in Mode – handmade, kundennah, authentisch.

Rehbrand Chronik Logo 1960 A. D.

1960Anno Domini

»Yeah, Typographie wird immer spannender. Was im letzten Jahrzehnt verspielt pinselig war, bekommt jetzt ein richtiges System. Die Schweizer Typographie ist genau unser Ding: sie bietet uns endlich Raum für die ultimative typographische Entfaltung. Adäquat hierzu bekommt auch unser Logo ein geradliniges Rebranding verpasst.«


Typographische Merkmale:
Futura, Frutiger, Helvetica: Der Einzug der Schweizer Typographie in den 1960ern bildet die Basis für ein sachlich-funktionales Schriftbild, das bis heute zeitlos und anspruchsvoll ist: Groteskschriften, möglichst wenig Schriftgrößen, viel Weißraum und strenge Gestaltungsraster ohne Ornamente und Schnörkel setzen Typographie als Gestaltungselement in den Fokus.

Rehbrand Chronik Logo 1970 A. D.

1970Anno Domini

»Für Pop, Disco und Drogen haben wir leider keine Zeit. Haben trotzdem beschlossen, in eine Kommune zu ziehen, uns Blumen ins Haar zu flechten und gemeinsam im kreativen Flow zu sein. Was unseren Vorfahren Michaelicus Hasta und Michaelicus Vir Aulae 150 n. Chr. schon klar war, wird jetzt zum Thema: Die Zielgruppe rückt in den Vordergrund.«


Typographische Merkmale:
Selbstverständlich war in den 1970er-Jahren nicht alles Pop, Hippie und Disco. Auch wenn es in der Typographie derartige stilistische Ausführungen gab, bestach das gängige Schriftbild hauptsächlich durch abgerundete Schriften wie die Cooper Black mit abgerundeten Serifen und geradlinige Schriften wie die Avant Garde, aber auch runde, geschwungene Schriften tauchen immer häufiger auf. Einige davon sind heute noch im Einsatz, wenngleich auch nicht mehr ganz so modern und zeitlos. Die Schweizer Typographie aus den 60ern verzeichnet hier bis heute auf jeden Fall ein weitaus höheres Maß an idealer Zeitlosigkeit.

Rehbrand Chronik Logo 1980 A. D.

1980Anno Domini

»Endlich haben wir den ersten Mac, können jedoch noch nicht allzu viel damit anfangen. Aber das wird schon – kommt Zeit, kommt Rat. Der Walkman und die Kopfhörer machen das Arbeiten auf jeden Fall um einiges entspannter. Außerdem hat jetzt jeder auf einmal Farbfernsehen – gar nicht schlecht, so macht die Werbespot-Produktion mehr Spaß. Bei den Amis laufen jetzt übrigens alle mit sogenannten Mobiltelefonen herum. Die sehen aus wie große Knochen und kosten satte 4.000 Dollar. Hoffentlich gibt's sowas auch bald bei uns.«


Typographische Merkmale:
Typographisch geht's in den 1980er-Jahren in die Postmoderne. Das Schriftbild wird wieder etwas nüchterner, viele Logos und Corporate Designs namhafter Marken erscheinen in Helvetica und Futura, … aber die Avant Garde bleibt weiterhin bei vielen Designern im Trend – heute ein absolutes typographisches Desaster.

Rehbrand Chronik Logo 1990 A. D.

1990Anno Domini

»Ein schlimmes Jahrzehnt: Wir haben jetzt Photoshop und müssen all die Bauchnabelpiercings, Schweißbänder und herausblitzenden Tangas heraus retuschieren. Außerdem haben wir jetzt Firmenhandys, aber dummerweise ruft uns niemand an, weil jeder Angst vor der Telefonrechnung hat. Weil das noch nicht ausreicht, macht die neue Rechtschreibreform viele verrückt – vermutlich ist das der Grund, weshalb viele Designer in allen gestalteten Medien nur noch kleinschreiben. Gut für Legastheniker, aber schlecht zu lesen und echt unprofessionell. Zu guter Letzt kommt noch hinzu, dass Websites auf einmal en vogue werden, aber wer zur Hölle hat sich ausgedacht, dass im Web alle Texte in Arial, Verdana und Courier erscheinen müssen?! Hoffentlich erfindet irgendjemand bald die Webfonts! Mit dem semiprofessionellen Typographie-Chaos dank der Verbreitung der Computer kommen wir überhaupt nicht klar und setzen mit einem Helvetiva-Logo ein Statement. Dummerweise wird der Schriftzug von den meisten mit der Arial verwechselt und wir müssen uns tagtäglich rechtfertigen.«


Typographische Merkmale:
Leider haben die meisten Kunden und Möchtegern-Agenturen jetzt auch einen eigenen Computer, und so werden auf einmal Brush Script, Copperplate, Gill Sans & Co zu häufig eingesetzten Logo-Schriften, oftmals auch mit experimentierfreudigen Photoshop-Effekten, so dass man einigen bis heute auf den ersten Blick den semiprofessionellen Eindruck ansieht. Durch die Verbreitung von Computern und dem Internet wurden auch Arial (die angeblich auf den damals schlecht aufgelösten Bildschirmen besser lesbar als die Helvetica sein sollte), Courier, Century Gothic und dergleichen populär, allerdings hauptsächlich im privaten und semiprofessionellen Bereich. Im Profi-Bereich etablierte sich die Schriftart Myriad Pro sowie die gesamte Schriftfamilie Rotis, FF Meta Big Caslon und Garamond für anspruchsvolle Corporate Designs.

Rehbrand Chronik Logo 2000 A. D.

2000Anno Domini

»Endlich haben wir DSL, aber das Internet ist immer noch lahm. Deshalb programmieren wir die Websites unserer Kunden mit Pixelfonts aus den 90ern und mit Systemschriften. Kann jetzt bitte endlich mal jemand Webfonts erfinden?! Die Kunden wünschen sich als Hausschrift vermehrt Arial, »weil dann im Internet, im Print und in diesen komischen Office-Programmen wieder alles gleich ausschaut« – glücklicherweise können wir die meisten zur Helvetica überreden. Bei der Suche nach alternativen Schriftarten geht uns das Pangram »The quick brown fox jumps over the lazy dog« tierisch auf die Nerven. Als Ablenkung haben wir uns aus den USA iPhones geholt, aber dummerweise wissen wir nicht so recht, was wir mit den Apps machen sollen.«


Typographische Merkmale:
In einem Jahrzehnt kann viel passieren – vor allem, wenn die Computertechnologie einen derartigen Vormarsch macht. Während man Anfang der 2000er noch mit Pixelfonts für schlechte Bildschirme arbeitet, feiert man spätestens Mitte der 2000er die ausgereiften OpenType-Features und die Entwicklung der Typographie wird immer weiter verfeinert. Neben dem relativ kurzlebigen Glossy-Trend des Web 2.0-Zeitalters besinnt sich die Typographie nach den anstrengenden 90ern wieder auf reduzierte und geradlinige Hochwertigkeit. Wenn man im Print etwas anderes als Helvetica, Futura und Co. darstellen wollte, griff man in den 2000ern vermehrt auch gern auf die FF Dax zurück.

Rehbrand Chronik Logo 2011 A. D.

2011Anno Domini

»Hey! Wir sind in der Gegenwart und beim richtigen Gründungsjahr angekommen und bündeln unser langjähriges Design- und Kommunikations-Know-how im Namen der Rehbrand GmbH. Hochwertige und anspruchsvolle Typographie steht dabei im Fokus unseres Tuns. Ab sofort wildern wir in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz und kümmern uns mit Herzblut und Expertise um Markenauftritte, die von den brennenden Rehen veredelt, optimiert oder neu erfunden werden wollen.


Typographische Todsünden:
In den letzten Epochen habe wir einige Folterinstrumente gesammelt und daher kurzerhand neue Regeln aufgestellt: Wenn jemand ein Logo in Yanone Kaffeesatz bastelt, wird er auf dem Scheiterhaufen "gefeuert", und bei Comic Sans geteert und gefedert. Mit der Brush Script kommt man sofort auf die Streckbank, der Einsatz von Arial und Times New Roman verursacht Daumenschrauben (die haben wir übrigens auch als Giveaways), wer Calibri benutzt, bekommt Betonschuhe angezogen und geht danach in der Isar schwimmen, Papyrus hat den Galgen zur Folge, wer mit der Zapfino arbeitet, wird mit vier Pferden gevierteilt, und bei Impact geht's ab in die Guillotine. Die Eiserne Jungfrau eignet sich übrigens nicht nur bei Copperplate-Unfällen, sondern auch bei Wingding-Icons ;-)

Möchten Sie mit uns einen Schritt in die Zukunft gehen?
Dann verraten Sie uns, was wir für Sie tun können.

www.rehbrand.de

PS: Tausend Dank an alle, die an diesem langjährigen Experiment und dieser Studie teilgenommen haben.
Vier Jahre hat es gedauert und wir sind stolz auf das Ergebnis.

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